Die Multiple Sklerose zählt mit 252.000 Erkrankten in Deutschland zu den häufigsten chronisch entzündlichen Erkrankungen des Zentralnervensystems.1 Die durch MS ausgelösten Läsionen und die daraus resultierenden Schädigungen der Axone haben ein breitgefächertes Spektrum an Symptomen zur Folge, unter denen Erkrankte schubartig oder auch anhaltend leiden. Dazu gehören unter anderem Sehstörungen, Fatigue, Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen, veränderte Reizwahrnehmung, Blasenschwäche und Spastiken. Im weiteren Verlauf können sich Immobilitäten einstellen, sodass Erkrankte auf einen Rollstuhl angewiesen sind. In seltenen Fällen kommt es durch Komplikationen oder Fortschreiten der MS zu Todesfällen. Die Auslöser der Krankheit sind weitestgehend unklar – eine groß angelegte Studie stellt nun aber einen Zusammenhang zwischen einer Epstein-Barr-Virus-Infektion und dem Ausbruch von MS her. Demnach wurden 99,5 % der MS-Patienten in der Studie positiv auf eine EBV-Infektion getestet.2
Dieser Zusammenhang wurde ebenfalls von dem Biotech-Unternehmen Atara Biotherapeutics aus den USA vermutet, woraufhin es einen Therapieansatz mit dem Namen ATA188 entwickelte. Über eine allogene T-Zell-Immuntherapie werden EBV-infizierte B-Zellen und Plasmazellen spezifisch zerstört. In einer ersten Phase-I-Studie konnten neben einer guten Verträglichkeit erste Zwischenergebnisse bezüglich der Wirksamkeit dargestellt werden. So konnte bei 7 von 8 Patienten eine Verbesserung der Mobilität, gemessen an der Expanded Disability Status Scale, über einen Zeitraum von 33 Monaten beobachtet werden. Zusätzlich wurde über die Magnetisierungstransferrate (MTR) ein Anstieg der Myelindichte gezeigt. Die Myelindichte wird als Biomarker für die Demyelinisierung und Remyelinisierung herangezogen. Bei Patienten ohne den neuen Wirkstoff konnte keine Remyelinisierung beobachtet werden. Die Ergebnisse sind ein weiteres Indiz für die Korrelation zwischen einer EBV-Infektion und dem Ausbruch von Multipler Sklerose. In der zweiten Hälfte des Jahres 2022 plant Atara Biotherapeutics erste Ergebnisse aus der Interimsanalyse der Phase-II-Studie präsentieren zu können.3
1 Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.: Häufigkeit der MS. Online verfügbar unter: https://www.dmsg.de/multiple-sklerose/was-ist-ms
2 Kjetil Bjornevik et al.: Longitudinal analysis reveals high prevalence of Epstein-Barr virus associated with multiple sclerosis. (2022) DOI: 10.1126/science.abj8222
3 Atara Biotherapeutics: Atara Biotherapeutics Presents New Magnetization Transfer Ratio Imaging Data and Two-Year Clinical Data from the Open Label Extension of ATA188 for Progressive Multiple Sclerosis at ECTRIMS 2021 (2021). Online verfügbar unter: https://investors.atarabio.com/news-events/press-releases/detail/248/atara-biotherapeutics-presents-new-magnetization-transfer